Bericht Networking-Tag 2016

Menschen sind keine Zirkuspferde

Im Zentrum der 6. Kondratieff-Welle steht die psychosoziale Kompetenz. Was das genau bedeutet, diskutierten Experten am Networking-Tag 2016 der FHS Alumni. Eine eindrückliche These: Mitarbeitende sollen selbständiger werden.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO leiden 440 Millionen Menschen an psychischen Krankheiten. Eine gravierende Tatsache, die zum Nachdenken anregt: Wie können wir in der Welt von morgen bestehen und dabei erst noch glücklich werden? Fragen, die wohl alle brennend interessieren. Und so erstaunt es nicht, dass der Networking-Tag der FHS Alumni vom 9. September 2016 mit 770 Anmeldungen einen Rekord verzeichnete. «Statt über Industrie 4.0 oder Big Data zu diskutieren, widmen wir uns lieber der psychosozialen Kompetenz. Schliesslich steht diese im Zentrum der 6. Kondratieff-Welle, die bereits angerauscht ist», sagt Sigmar Willi, Leiter der FHS Alumni.

Wertschätzung als Stresspuffer

Die Arbeitswelt steht unter permanentem Druck und viele fühlen sich gestresst. Da liegt es auf der Hand, dass irgendetwas passieren muss. Davon kann Doris Straus ein Lied singen. Die medizinische Direktorin der Privatklinik OBERWAID setzt sich täglich mit Burnout-Betroffenen auseinander. Gefährdet seien vor allem Mitarbeitende in Sandwich- Positionen, mit negativem Körperselbst oder solche, die Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung haben. Sie rät zu einer guten Führung als Stresspuffer. Dazu gehöre Wertschätzung, klare Aufgabenbereiche, Autonomie, Förderung, aber auch Forderung. Genauso sieht es Sebastian Wörwag, Rektor der FHS: «Studien belegen, dass der Chef für die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeitenden relevant ist.»

Glück steigert Produktivität

Noch etwas steigert die Produktivität: Glück. Was abstrakt klingt, löst Oliver Haas mit einem Praxisbeispiel auf. In nur drei Jahren konnte eine Firma in der Hotellerie ihren Umsatz verdoppeln, nachdem sich das Management unter seiner Leitung bewusst um das Befinden der Mitarbeitenden kümmerte. «40 Prozent des Glücksempfindens hängen von der inneren Einstellung ab», sagt der Begründer von Corporate Happiness. Er appellierte an die Führungskräfte, zuerst bei sich selbst anzufangen, sich der eigenen Haltung und Stärken bewusst zu werden. Und dieses Bewusstsein müssten auch die Mitarbeitenden entwickeln können. Das sei messbar und lohne sich längerfristig für beide Seiten.

Anstand durch Abstand

Unternehmensberater und Bestsellerautor Reinhard K. Sprenger setzt weniger aufs Glück, sondern auf den Anstand. Mitarbeitende würden bevormundet, überwacht und fremdbestimmt. Sie seien «hochangepasste Ausführungsaffen». Aber ein anständiges Unternehmen handle anders – nämlich anständig. Dazu gehöre, die Menschen nicht bloss als Mittel, sondern auch als Zweck zu betrachten, sie nicht wie Kinder zu behandeln und sie nicht zu verbessern versuchen. «Mitarbeitende müssen wieder lernen, selbständig zu sein, sich zu wehren und sich nicht gängeln zu lassen», so Sprenger. Deshalb sein Ansatz: Anstand durch Abstand. Genauso sieht es Roland Waibel, Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der FHS St.Gallen. Menschen seien keine Zirkuspferde, man müsse sie nehmen, wie sie sind. Genau hier liege aber die Krux: «Macht ist einfacher.» Dabei geht er mit den Managern scharf ins Gericht. Es gebe überdurchschnittlich viele Narzissten und Psychopathen im Management. Je höher der Einfluss, desto unethischer sei ihr Verhalten. Waibel sieht sieben Prinzipien, die zum Unternehmenserfolg führen: Mitarbeitende nicht demotivieren, Vertrauen, Autonomie, Zusammenarbeit, Mission statt Ziel verfolgen, Diversität fördern und Wertschätzung.

Vom Mensch zum Roboter

Einen ganz anderen Ansatz brachte Karin Vey. «Zurzeit befinden wir uns im IT-Bereich in einer Übergangsphase von klassischer Programmierung zu künstlicher Intelligenz». In Japan halte Roboter Pepper extremen Einzug. Er könne Emotionen verstehen und die Leute unterhalten. Das primäre Ziel sei aber die Unterstützung in der Medizin. Zum Beispiel bei der diagnostischen Abklärung von Röntgenbildern. «Wenn künstliche Intelligenz diese Arbeit übernehmen kann, bleibt dem Arzt mehr Zeit für den Patienten», erklärt die Trendforscherin von IBM.

Wohlfühl-Umfeld schaffen

Schliesslich fragte Moderatorin Sonja Hasler die Herren der Podiumsrunde, wie sie denn zur sechsten Welle stünden. «Früher wurde eher instrumentell geführt. Heute muss man ein Umfeld schaffen, in dem sich die Mitarbeitenden wohlfühlen», antwortet Patrik Gisel, Vorsitzender der Geschäftsleitung Raiffeisen Schweiz. Zudem müsse man variable Arbeitsverhältnisse bieten, sonst sei man im Rekrutierungswettbewerb im Nachteil. «Wir werden heute gedrillt, alles zu optimieren und fühlen uns dabei immer schlechter. Das

kann arg unter Druck setzen. Auf der anderen Seite musste der Mensch auch früher mit Widrigkeiten umgehen können», ergänzt Philosoph Philipp Tingler. Politikwissenschafter Claude Longchamp sieht das Ganze übergeordneter: Die neuen Phänomene seien unter anderem die Digitalisierung, der Aufstieg Chinas, aber auch die freie Wahl im Partner- und Familienleben. Letztlich waren sich an diesem Tag wohl alle einig: Die psychosoziale Kompetenz wird die Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen. Oder um es in Rektor Wörwags Worten zu sagen: «Reiten wir auf der Welle mit statt uns von ihr überrollen zu lassen».

Erkenntnisse austauschen

Das alles gab später an der Well-Being Networking-Party zu reden. «Tingler hat mir wieder vor Augen geführt, dass es wichtig ist, zu wissen, was man will. Gerade in dieser grenzenlosen Vielfalt, oder wie er es nannte, in dieser transzendentalen Obdachlosigkeit», so Christoph Lanter, Inhaber von Chrisign GmbH in Weinfelden. Und Tanja Schneider, die Schulleiterin der Primarschule Rüthi, will sich vor allem das merken: Anstand durch Abstand.